Interview mit Christian Havranek, HR Leader und Human Capital Partner bei Deloitte Österreich

Christian Havranek

Marie: Das Projekt „Second Chance“ des Deloitte Future Funds soll Praktika für geflüchtete Menschen bei Deloitte Österreich ermöglichen. Da du HR Leader von Deloitte Österreich bist und außerdem im Human Capital Consulting bereits Praktikanten mit Fluchtgeschichte aufgenommen hast, freue ich mich über diese Gelegenheit dich zum Projekt zu interviewen. Meine erste Frage an dich: warum ist dir das „Second Chance“ Projekt wichtig?

Christian: Einerseits sind für mich geflüchtete Menschen eine besondere Gruppe am Arbeitsmarkt. Diese Gruppe an Menschen ist unvergleichbar zu allen anderen. Hier geht es natürlich darum zu schauen, ob da nicht für uns als Arbeitgeber die Chance besteht, diese Personen als Talente für uns zu gewinnen. Viele standen bereits im Heimatland im Berufsleben und bringen interessante Qualifikationen mit. Andererseits – wenn wir uns vorstellen, dass alle Unternehmen einen kleinen Beitrag leisten – dann wird das Problem der Arbeitsmarktintegration in Summe kleiner.

Marie: Im Human Capital Consulting haben bereits mehrere Personen mit Fluchtgeschichte Praktika absolviert. Was sind deine persönlichen Erfahrungen und Eindrücke?

Christian: Was ich erlebe ist eine sehr hohe Arbeitsorientierung und eine starke Konzentration auf den eigenen Aufgabenbereich. Das heißt, es sind nicht unbedingt Personen die im Mittelpunkt des Geschehens stehen – es besteht ein sehr guter sachorientierter Umgang miteinander. Ich habe also bisher sehr positive, sehr angenehme Erfahrungen machen dürfen.

Marie: Was hatte die Aufnahme von diesen Praktikanten für einen Effekt auf das jeweilige Team? Gab es sprachliche Hürden?

Christian: Generell erleben wir einen steigenden Englischanteil in Projekten. Jede Weiterbildung ist bei uns in Englisch. Man erlebt teilweise auch in Kundenprojekten – wenn hier jemand aus dem Ausland kommt und vielleicht weniger gut Englisch kann – auch dann wird man einen Weg finden. Ähnlich ist es mit der Verständigung mit den geflüchteten Menschen auf Deutsch. Unser mittlerweile unbefristet angestellter (ehemaliger Second Chance Praktikant) hat aber z.B. einen Aufgabenbereich wo er sehr viel mit Zahlen hantiert – da ist er auch sehr gut und sehr genau und da gibt es fast keine Probleme mit der Kommunikation. Derzeit ist in Überlegung, ihn von 20 Stunden auf 40 Stunden aufzustocken. Das wäre natürlich für seine Einkommenssituation gut, da er derzeit nicht viel mehr als die Mindestsicherung verdient. Man merkt, die Menschen wollen in vielen Fällen einfach arbeiten, auch wenn sie dann nicht viel mehr haben als die Mindestsicherung.

Marie: Wie lief die Einarbeitungszeit ab?

Christian: Die Einarbeitung lief im Grunde wie immer – über einen Coaching, one-to-one Ansatz. Grundsätzlich kann ich sagen, dass diejenigen Personen, die für die Einarbeitung der Praktikanten zuständig waren, sehr engagiert bei der Sache waren als sie gesehen haben wie motiviert und arbeitswillig die Praktikanten waren. Im Grunde war die Einarbeitung im Team total problemlos. Es ist ein wechselseitiger, sehr höflicher und sachbezogener Umgang. Es ist alles sehr unaufgeregt.

Marie: Konntest du oder das Team etwas von den Praktikanten lernen?

Christian: Was ich jedenfalls lerne ist, dass die geflüchteten Menschen bei uns sehr konzentriert arbeiten. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es da durchaus andere Pausenkulturen gibt. Generell arbeiten sie sehr intensiv. Grundsätzlich sind es sicher sehr wagemutige Menschen, die den individuellen Weg nach Europa auf sich nehmen.

Marie: Gibt es in der Zusammenarbeit spezielle Herausforderungen?

Christian: Das wirklich Einzige was mir einfällt ist, man muss sich bemühen so zu sprechen, dass man gut verstanden wird. Es ist wirklich schwer Deutsch zu lernen und da muss man auch eine gewisse Sensibilität haben, nicht gleich mit Fachausdrücken um sich zu werfen.

Marie: Was empfiehlst du geflüchteten Personen, die am österreichischen Arbeitsmarkt Fuß fassen möchten?

Christian: Ich sehe das am Beispiel der geflüchteten Person die ich privat betreue. Für extrovertierte Personen, die in irgendeiner Form Kontakt zu Österreicherinnen und Österreichern haben, ist es leichter. Ein großes Problem haben jene, die keine Kontakte haben und in ihrer eigenen Community bleiben. Denn diese Personen leben sehr isoliert, da werden natürlich auch die Sprachkenntnisse nicht wirklich schnell besser. Anschluss suchen finde ich also einen ganz wichtigen Punkt.

Marie: Was möchtest du österreichischen Arbeitgebern, die in ihrem Unternehmen Arbeitsplätze für geflüchtete Personen schaffen wollen, mit auf den Weg geben?

Christian: Man braucht im Unternehmen einen Menschen der primär den CSR Aspekt bzw. das humanitäre Anliegen im Fokus hat und man muss gleichzeitig akzeptieren, dass das Business das Business ist und damit natürlich im Vordergrund steht. Wichtig ist es in meinen Augen geduldig zu schauen – wo gibt es Überschneidungen, wo macht es Sinn.

Marie: Vielen Dank für das Interview!

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